Üblicherweise befassen wir uns zu dieser Zeit des Jahres eingehender mit der Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt.
Wenn man sich die Texte von vor einem Jahr und von vor ein paar Jahren ansieht, hat man den Eindruck, dass die Themen immer wiederkehren und dass der Wandel langsam und nicht immer in die erwartete Richtung geht.
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist in den meisten europäischen Ländern angespannt. Das Potenzial von Frauen, ihre Talente und Kompetenzen, sind ein wertvoller Beitrag zur Wirtschaft - sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht. Allerdings wird dieses Potenzial nicht immer genutzt, was sich auch auf die persönliche Situation der Frauen auswirkt, nicht zuletzt in materieller Hinsicht.
In wirtschaftlich herausfordernden Zeiten für Familien lohnt sich daher - wieder einmal - ein Blick auf die Einkommenssituation von berufstätigen Frauen.
Sowohl in Polen als auch in Deutschland ist der Anteil der berufstätigen Frauen relativ hoch und liegt über dem EU-Durchschnitt von 66,3 Prozent. Die Beschäftigungsquote der Frauen in Deutschland ist mit fast 74 Prozent eine der höchsten in Europa, gleichzeitig arbeitet aber fast die Hälfte aller Frauen zwischen 20 und 64 Jahren (48,8 Prozent) in Teilzeit. Bei den Männern trifft dies nur auf weniger als 12 Prozent zu. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Arbeitszeit - insbesondere in Beziehungen mit Kindern - relativ niedrig ist. Frauen arbeiten deutlich weniger Stunden als Männer, obwohl sie oft hoch qualifiziert sind und mehr arbeiten würden, wenn die Bedingungen günstiger wären.
Eurostat-Daten zufolge ist auch die Erwerbsbeteiligung polnischer Frauen im Vergleich zu anderen EU-Ländern relativ hoch: 2024 lag die Beschäftigungsquote von Frauen im Alter von 15 bis 64 Jahren in Polen bei 67,4 Prozent. Teilzeitarbeit ist auf dem polnischen Arbeitsmarkt jedoch weit weniger verbreitet, unabhängig vom Geschlecht. Diese Form der Beschäftigung wird von 8,7 % der Frauen und 3,4 % der Männer genutzt. Die wirtschaftliche Situation der Frauen wird jedoch unter anderem dadurch beeinflusst, dass sie relativ früh in den Ruhestand gehen und dass der Anteil der Frauen, die in älteren Alterskohorten (sogar vor dem Rentenalter) arbeiten, in Polen relativ gering ist.
Trotz der zunehmenden Erwerbsbeteiligung der Frauen ist ihre wirtschaftliche Lage immer noch schlechter als die der erwerbstätigen Männer. Frauen fallen während ihres Arbeitslebens in zahlreiche „Lücken“, die sich in niedrigeren Einkommen niederschlagen. Die Bertelsmann-Stiftung identifiziert in ihrer umfassenden Studie 2024 zur Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt gleich sieben Faktoren, die sich negativ auf Frauen auswirken. Auch wenn die Auswirkungen der einzelnen Faktoren von Land zu Land unterschiedlich ausfallen, gelten sie für die meisten Länder. Ihre Auswirkungen hängen von vielen Aspekten ab, von staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung von Familien bis hin zu kulturellen Faktoren.
Die Stiftung identifiziert Lücken wie das Gender (Work) Time Gap, d. h. die unterschiedliche Arbeitszeit von Frauen und Männern, das Gender Care Gap, das sich auf den Umfang der unbezahlten Arbeit, z. B. der Pflegearbeit pro Tag, bezieht, oder das Gender Pay Gap - Lohn- und Gehaltsgefälle. Diese Ungleichheiten schlagen sich langfristig in weiteren Lücken nieder: Einkommensunterschiede über das gesamte Arbeitsleben, eine schlechtere materielle Situation für Frauen aufgrund von Mutterschaft oder geringere Rentenleistungen für Frauen, die oft zu Altersarmut führen.
Interessanterweise stellt die Stiftung eine weitere, nicht offensichtliche Lücke fest - die Financial Literacy Gap, die mit der ökonomischen Bildung zusammenhängt und zu einem unterschiedlichen Niveau der Altersvorsorge von Frauen und Männern führt.
Diese Situation hat greifbare Folgen. Mehr als jede zweite berufstätige Frau in Deutschland hat Schwierigkeiten, langfristig für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Das berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Das bedeutet, dass ihr Einkommen nicht hoch genug ist, um ihren Lebensunterhalt in den Phasen, in denen sie nicht arbeiten, wie Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder Ruhestand, eigenständig zu sichern. Der DGB nennt Teilzeitarbeit, häufigere Arbeitsunterbrechungen oder den um rund ein Fünftel niedrigeren Stundenlohn von Frauen als Gründe für diese Situation. In Deutschland arbeitet in einem Viertel der Familien mit einem Kind (oder Kindern) nur der Mann, und in nur 14 Prozent der Paare mit Kindern arbeiten beide Elternteile Vollzeit.
In Polen sind die Proportionen aufgrund der viel weniger verbreiteten Teilzeitarbeit etwas anders. Nach Angaben des Polnischen Wirtschaftsinstituts (PIE) waren im Jahr 2021 sogar 75 Prozent der Mütter mit mindestens einem Kind unter 15 Jahren berufstätig, meist in Vollzeit. Das bedeutet jedoch, dass Frauen im Allgemeinen doppelt belastet sind - der größte Teil der Betreuungs- und Haushaltsarbeit ruht oft trotz Berufstätigkeit auf ihren Schultern. In Polen gibt es aber auch einen hohen Prozentsatz von Familien mit Kindern, in denen die Mütter nicht berufstätig sind - in einem Drittel der Familien ist es so.
Die Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt ist eine Herausforderung, die klar definierte Maßnahmen erfordert. Die Bertelsmann-Stiftung verweist auf die Rolle finanzieller Anreize (durch den Staat - Steuersystem, aber auch Aufwertung von Frauenberufen, z.B. Pflegeberufe) und die Rolle des Zeitfaktors (Freisetzung von Zeit für die Berufstätigkeit von Frauen durch systemische Unterstützung bei der Kinderbetreuung und Nutzung flexibler Arbeitsmodelle anstelle von Teilzeitarbeit). Wichtig ist auch ein kultureller Wandel in Bezug auf die Rollenverteilung innerhalb der Familien.
Im Hinblick auf die Beseitigung von Lohnunterschieden soll die Richtlinie des EU-Parlaments und des Rates von 2023 zur Stärkung der Anwendung des Grundsatzes des gleichen Entgelts für Männer und Frauen bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit durch Lohntransparenzmechanismen eine wichtige Unterstützung bieten. Die Richtlinie sollte bis 2026 umgesetzt werden. Die Arbeiten kommen jedoch nur langsam voran, da es u. a. Schwierigkeiten bei der Bewertung von Arbeitsplätzen gibt.
Bei der AHK Polen verfolgen wir im Rahmen des Arbeitsmarktausschusses die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Umsetzung dieser Richtlinie.
Im Zusammenhang mit dem Frauentag sollten alle Initiativen gewürdigt werden, die bereits für eine stärkere Präsenz von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und für die Verwirklichung ihrer Karrierepläne durchgeführt wurden. Viele dieser Initiativen werden in den Unternehmen von den Arbeitgebern selbst umgesetzt, als Teil der bewussten Gestaltung einer Organisationskultur, die die Kombination von Berufs- und Lebensrollen - von Frauen und Männern - unterstützt. Andererseits muss man sich darüber im Klaren sein, dass die gleichberechtigte Präsenz von Frauen auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor umfassende Maßnahmen aller Akteure erfordert, die diese Situation beeinflussen können. Dies ist eine wichtige Aufgabe angesichts des Potenzials der Frauen, das nicht nur eine persönliche Dimension in Form der Verwirklichung ihrer eigenen Lebensziele hat, sondern auch eine wertvolle Ressource für die Wirtschaft insgesamt darstellt.